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Leben auf dem Weg der Freien

Ein Netzwerk der Hirten will der spanische Umweltaktivist Jesus Garzon bilden: Seine Netze spinnt er bis in die Türkei. Mit dem Ulmer Künstler Mark Klawikowski und dem Illertisser Stefan Hämmerle.

MICHAEL JANJANIN |

Sie heißen Yörükler. Und ihr Name trägt ihre Lebensweise in sich: Menschen, die umherziehen. Einige Familien der früheren türkischen Viehnomaden pflegen noch die alte Lebensweise. Mit ihren Tieren und Zelten ziehen sie im Frühjahr von den Winterweiden am Mittelmeer zu den Grashochflächen des anatolischen Vorlands - zu den Seen und Flüssen und Weiden des Sommers. Dieses Jahr haben sie Begleitung von Menschen, denen daran gelegen ist, diese Hirtennomaden kennenzulernen, über ihr Leben zu erzählen und diese Art der Viehhaltung rund um Europa und das Mittelmeer. "Am 30. März geht es los in die Izmir-Region", sagt Stefan Hämmerle aus Illertissen. Zusammen mit dem Künstler Mark Klawikowski aus Ulm begleitet er die "letzten türkischen Nomaden auf ihrem Weg zu den Sommerweiden". Kennengelernt haben sie sich auf einer Veranstaltung der Kreativgruppe "Ulmer Gestalten".

Den Weg zur europäischen Gemeinschaft der Hirtennomaden - Transhumanz - hat Hämmerle im Alter von 55 Jahren gefunden. "Ich habe damals eine 8000 Jahre alte Kultur mitten in Europa kennengelernt." Die Kultur der Fernweidewirtschaft, bei der jahreszeitlich die Weidegebiete gewechselt werden, lautet Transhumanz. In Spanien heißt der Begriff schlicht: auf den Weg bringen. "Mich hat das Leben mit diesen Menschen auf den richtigen Weg gebracht." In der Nähe von Salamanca in Westspanien hatte er sich als Pilger auf dem Jakobsweg verirrt - bis er auf einen Schäfer traf. Dieser nahm ihn bei sich auf. Der Hirte war unterwegs auf den "Ca·adas Reales" - Viehtriebstrecken in Spanien und Portugal.

Bei einer seiner späteren Reisen auf der Transhumanz lernte Hämmerle auch Jesus Garzon kennen, einen der bekanntesten Naturschützer Spaniens. Dieser hat die Transhumanz wiederbelebt und versucht, in vielen Teilen der Welt die Kultur der Fernweidewirtschaft zu fördern und zu erhalten.

Garzons Argumente leuchten auch Mark Klawikowski aus Ulm ein. Mit Hämmerle und Garzon wird er die letzten türkischen Nomadenfamilien, die nach der alten Tradition leben, gut eineinhalb Monate lang auf dem Weg zu den Sommerweiden in die Region von Konya begleiten. Dem 32-jährigen freischaffenden Künstler graut vor dem Tag, an dem die industrielle Lebensmittelindustrie "die Viehwirtschaft an die Wand fährt". Denn dann würden Tierrassen wichtig, die auch ohne Antibiotika und die tägliche Gabe von Medikamenten überlebensfähig sind. Es sei wie mit der Rückzüchtung alter Haustierrassen: "Dieses alte Wissen könnte uns allen eines Tages mal sehr nützlich sein." Außerdem sei er neugierig auf das Leben mit den letzten freien Nomaden.

"Die vergangenen vier Jahre hatte ich angesichts der vielen Projekte kaum Zeit zum Reisen", nun nehme er diese Gelegenheit wahr, sich zu einer faszinierenden Welt dazuzugesellen. Als Puppenspieler, Illustrator und Filmemacher will sich Klawikowski in die alte Menschheitstradition des Geschichtenerzählens abends im Zelt einfügen. Als Begleiter nimmt er das Schneiderle mit, den Schneider von Ulm, eine seiner Figuren aus dem Theater Schlabbergosch, mit dem er in der ganzen Ulmer und Neu-Ulmer Region bekannt ist. Auf die Reaktionen der Kinder in den Familien ist er schon gespannt.

Sprachschwierigkeiten wird es keine geben. "Jede Woche begleitet uns ein anderer von den türkischen Lehrern, die in der Ulmer Region schon den vom Konsulat vermittelten heimatsprachlichen Unterricht gegeben haben", ergänzt Hämmerle. Leben werden die Reisenden in den schwarzen Nomaden-Zelten von Mehmet Simsek und Hüseyin Ucarci. "Mal sehen, ob ich nicht Ideen für einen Film über diese Menschen mitbringe", ergänzt Klawikowski. Ein Stück über das Leben der letzten freien Nomaden.

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